Kontraste, Schichten, Klänge Annäherungen an Martina Stocks Kunst

Die Härte oder auch die Klarheit modernistischer Architektur hat schon immer gut zur Fotografie gepasst. Ein knapp hundert Jahre altes Medium, das dank immer rationellerer Verfahren zum Volksmedium wurde, traf im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auf Stahl und Beton, auf Ecken und harte Kanten, schwarz-weisse Kontraste im gleissenden Sonnenlicht und steile Schatten.

Jugendstil, Verzierung, Blüten und Ranken – das war passé. Nichts sollte mehr den Blick verstellen auf die Realität. Die kontrastreichen gebauten Ikonen dieser neuen Zeit passten zu dieser ebenso politisch harten und kompromisslosen Phase. Aber eben auch zur Fotografie, die alles - scheinbar „unverfälscht“, wahrheitsgetreu, objektiv - abbildete. Klar, kantig.

Die Dynamisierung der Bilder durch gewagte, meist diagonale Perspektivenwahl machten aus der Architekturfotografie vollends ein Zeichen dieser Zeit der Technisierung, des Tempos, gar zu Ikonen von Revolutionen im frühen 20. Jahrhundert. Noch heute, wenn ich die Fotografien von Martina Stock anschaue, die ihren Bildern zugrunde liegen, macht mir diese Vorstellung der damaligen Härte, der Kompromisslosigkeit, der Dynamisierung auch etwas Angst. Das hat auch damit zu tun, dass ich mich in ihren Bildern in lichtschluckende, enge Grosstadtschluchten versetzt sehe: die Türme des Kapitals, hochgezogen wohl in Rekordzeit und sicher unter prekären Bedingungen. Der Blick von unten nach oben soll uns klein halten. Individualität ist nicht erwünscht, nur Arbeitskraft. Dass die Künstlerin mit der Form der Serigrafie arbeitet und ihre Bilder statt mit mehr oder minder poetischen Titeln lediglich mit Zahlen und Buchstaben versieht, ist im Zusammenhang mit diesen Motiven und der Zeit, der einige davon entstammen, nur folgerichtig.

Eine weitere Parallele erschliesst sich hier. Wie müssen wir uns Geschichte vorstellen? Als eine Kette oder Linie von Ereignissen und einer unendlichen Parallele und Vermischung von Lebensläufen, vielleicht. Auch die Idee des zyklischen Geschichtsverlaufs war in der Menschheitsgeschichte immer wieder populär. Sicher ist, dass die Geschichte unablässig Schichten produziert. Wie die Gesteinsschichten und geologischen Verwerfungen, die zu Erhebungen führen. Nichts ist verloren, alles ist überlagert. Auch der Moment, wenn er grad vorbei ist im Moment des Schreibens - oder eben auch des Fotografierens oder des Malens. Es gibt diese schöne Fotografie aus den 1860er Jahren, die ich einst bei einem Sammler sah: Ein Mann sitzt auf einer kleinen Erhebung inmitten von erkalteten Lavaschichten vor dem Ätna.

Ich stelle mir Martina Stocks Arbeit auch so vor: Erste Schicht Fotografie, zweite Schicht Malerei, dritte Schicht der Moment, in dem der Betrachter die Bilder sieht und dazu die Töne und Klänge ihrer Harfe hört, ebenso die Räume, in denen er dies tut. Alles ist da, auch wenn es grad eben vorbei gegangen, Geschichte geworden ist. Die Wirkung der Malerei wiederum scheint mir auf eine spannende Weise ambivalent: Manchmal empfinde ich die Qualität der Farbe als beruhigend und sozusagen als organischen Kontrast zu Stahl und Glas und Beton. In anderen Momenten wiederum kommt sie mir vor wie Blut oder Wut oder Rebellion.

Ach ja, und da sind noch die Töne. Sie entstammen den Saiten einer Harfe und man stellt sich einen Engel vor, wie er die Schwingungen mit grazilen Fingern auslöst. Ich wünschte mir manchmal, die Töne sehen zu können, wenn sie sich so in der Luft bewegen - dynamisch und ephemer, aber für winzige Zeiteinheiten auch wellenhafte Schichten bildend wie die Lava des Ätna. Die Harfe scheint mir bei genauer Betrachtung auch eine Form der Gegensätze in sich zu vereinen: Metall und Holz, zu einer Skulptur geformt. Musik aus einem Körper, Musik als Körper. Ein gescheiter Musikkritiker hat die streng neoklassizistische C-Dur-Sinfonie von Igor Strawinsky einmal als Kristall bezeichnet.

Vielleicht liegt darin einer der Schlüssel zu Martina Stocks Werken:
Die modernen Gebäude aus Stahl, Glas und Beton vermischen sich mit den Farben und den Tönen, bewegen sich in wellenförmigen Schichten durch Raum und Zeit und erstarren schliesslich zu einer klaren, kristallinen Skulptur.

Text: Patrick Marcolli

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