Interview | aus dem Katalog KRISTALLBILDUNG 2017

Was ist „Serigrafie“ und warum arbeitest Du mit dieser Technik?

Serigrafie kann man ganz einfach erklären, es steht für ein Unikat im Siebdruck. Meine Bilder gibt es jeweils nur einmal, sie werden nicht als Auflage produziert. Sie entstehen in mehreren Arbeitsprozessen und sind nicht reproduzierbar. Ich kann mit denselben Sieben und Motiven arbeiten und es werden unterschiedliche Werke entstehen.

Wie geht das? Drucken steht doch genau für Reproduzierbarkeit!

Ich sehe mich nicht als „Druckerin“ sondern vielmehr als Malerin, weil ich auf dem Sieb mit dem Rakel male, wie ein Maler auf der Leinwand mit Pinsel. Ich schaffe mit einem Sieb, Farbe und einem „Werkzeug“ neue farbige Welten. Mich unterscheidet von einem Maler nur die Wahl der Arbeitsmittel und das ich faktisch intuitiv arbeiten muss, weil das Sieb ja die Leinwand bedeckt. Erst nach dem Arbeitsprozess sehe ich das Ergebnis, das vorher nur in meinem Kopf war, vor mir. Das Abheben des Siebes von der Leinwand ist wie das Öffnen eines Vorhanges. Für jede Farbe gibt es ein anderes Sieb, was ich auf der Leinwand arrangiere. Ich muss nach jedem Druckgang neu entscheiden und schnell entscheiden, wie es weitergeht. Diese Arbeitsweise bietet mir der Siebdruck. Das ist großartig und spannend. „Mir taugt das“, sagt man in Österreich.

Durch die spontane und manuelle Positionierung des Siebes auf die Leinwand, entstehen einzigartige Arbeiten mit faszinierender Haptik. Das ist meine Welt. Mich fasziniert die Kombination verschiedener klassischer Techniken. So war es in der Musik mit Harfe und Oboe. In der bildenden Kunst erst der Linolschnitt (sehr malerische Ausdrucksweise, welche ebenso Unikate waren) und jetzt die Serigrafie.

Deine Werke wirken manchmal sehr hart, wenn man sie im Detail betrachtet - Rasterpunkte und Flächen wechseln sich ab, anderseits in Teilen wieder sehr weich und verletzlich, wie passt das zusammen?

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Das Rakel – mein Pinsel – ist das Werkzeug, welches die Farbe auf die Leinwand bringt, im klassisch-technischen Sinn. Ich ziehe die Farbe durch das Sieb. Das ist faktisch wie ein Instrument zu spielen. Man kann ein Instrument technisch perfekt spielen und es wird trotzdem den Zuhörer nicht immer erreichen, beziehungsweise berühren. Der Künstler, der das Instrument spielt, muss eine Einheit mit ihm werden, um das Publikum zu erreichen. Das schafft er durch Ausdruck und das Momentum. Ich nutze den Druck, der durch das Rakel ausgeübt wird, auf das Sieb, in Kombination mit der Farbe, um mein Bild auf die Leinwand zu bringen. Das kann hart sein oder auch weich. Je nachdem, wieviel Farbe ich durch das Sieb lasse und wie stark ich den Druck ausübe, entstehen diese Welten auf meinen Bildern. Ich „bespiele“ das Sieb mit Farbe und mit meiner Bewegung über das Medium. Für mich ist das wie Jazz, es gibt ein Ziel, aber der Weg dahin ist frei und trotzdem muss es technisch stimmen.

Ein wesentliches Merkmal ist dabei der Rasterpunkt, den ich sehr faszinierend finde. Die feinen Punkte, die bunt übereinanderliegen und so das Motiv bilden. Im Detail ein wunderschönes, feines Punktspiel – aus der Ferne entsteht dann das Ganze. Ich entdecke selbst in meinen Bildern immer wieder etwas Neues. Sie bleiben für mich immer spannend und abwechslungsreich.

Warum ist das Hochhaus ein so häufiges und wichtiges Motiv bei Dir?

Mich faszinieren seit jeher die Unterschiede. Ich bin ein Bergkind, aufgewachsen in den Alpen. Einerseits ist diese Landschaft sehr schön, anderseits oft auch bedrohlich, je nach Jahreszeit und Wetter.

Mit diesen Gegensätzen bin ich groß geworden. Hochhäuser in den Megacitys dieser Welt haben eine ähnliche Faszination für mich. Wunderschön aus der Ferne oder bei Nacht, wenn sie im Licht der Stadt erstrahlen. Bedrohlich, wenn man davor steht und an ihnen aufschaut. Nicht umsonst heißt es „Häuserschluchten“. Hochhäuser hatten mich immer schon fasziniert, das Streben nach oben oder „ganz oben zu stehen“ hat für viele einen großen Reiz. Außerdem sind Häuser der Idee eines Kreativen entsprungen, des Architekten. Für mich ist es sehr reizvoll, diese Idee neu zu interpretieren und sie in meinen Bildern Schicht um Schicht wieder neu aufzubauen, sie kommen so in eine neue Welt und in eine neue Umgebung, einen anderen Kontext. Ich versuche geometrische Formen aufzubrechen und sie ins malerische zu bringen, das ist mein Ziel. Auseinanderzunehmen und neu aufzubauen, in meinen besonderen Farbwelten - oft wunderschöne Architektur in ein neues Licht zu rücken und damit etwas unverwechselbar Neues zu schaffen. Ich finde gerade Architekten verbringen viel Zeit damit, eine künstlerische Idee, ins Machbare zu transportieren. Die Idee muss am Ende gebaut werden und „baubar“ sein. Das ist ein langer Prozess und oft muss man seine Idee vor vielen Menschen verteidigen, sich in öffentlichen Prozessen Kritik aussetzen, bevor das Werk entstanden ist. Das ist aus meiner Sicht eine große Herausforderung für jeden Kreativen. Ich kann mit meiner Kunst diese Grenzen außer acht lassen und schaffe neue Gebäude in einer anderen Welt. Die Architektur ist meine Muse und inspiriert mich zu neuen Welten.

Du hast in Deinen Projekten auch immer wieder das göttliche Instrument, die Harfe, mit eingebunden, wie ist es dazu gekommen?

Ich spiele seit fast 30 Jahren Harfe und liebe selbstgemachte Musik. Bis heute spiele ich in regelmäßigen Abständen in diversen Projekten mit meinem Instrument. Ich möchte das nicht aufgeben, weil die Liebe zur Musik für mich auch der Anker in meinem bildnerischen Werk ist. Wenn ich selbst spiele, so bringt mich das in eine andere Dimension, auf eine andere künstlerische Ebene. Es war für mich logisch, dies ab und zu in mein bildnerisches Werk einzubauen. Ich konnte mich lange nicht entscheiden wo mein Fokus liegt und habe das oft mit mir ausgefochten, was ich denn nun tun möchte. Ich muss diese Entscheidung aber nicht treffen, denn ich bin in beiden Welten zu Hause. Eine bildende Künstlerin, die auch Harfe spielen kann. Somit inszeniere ich meine Vernissagen ab und zu mit Harfe und Bild. Mein Harfenspiel schafft es die Menschen „zu erden“ und auf die Vernissage einzustimmen, das schließt mich ein.

Könnte man auch sagen, es ist ein Alleinstellungsmerkmal für Dich?

Nein, das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt genügend große Vorbilder, die Musiker und Künstler waren. Ich musste mir im Gegensatz zu anderen oft Kritik gefallen lassen. Die Rothaarige mit der Harfe, die sich nicht entscheiden kann, waren einige Vorwürfe dieser Art. Das hat mich anfangs sehr berührt und auch ins Zweifeln gebracht. Es wird oft die Schublade gesucht, in die jemand passen muss. Das ist mir aber mittlerweile egal. Wie bereits gesagt: ich muss mich nicht entscheiden. Nein, ich will sogar beides weiter miteinander kombinieren. Wenn es für mich passt und das Konzept stimmt. Im November 2017 werde ich in Japan eine Performance mit Licht, Serigrafie und Harfe inszenieren, die ihre Grundlage in einem meiner vorherigen Projekte hatte. Die Gastgeber kannten weder meine Bilder, noch mein Harfenspiel, sondern nur das Projekt „Der blaue Eros“ und gerade das hat sie scheinbar fasziniert. Für mich ist es eine neue Kultur und eine neue spannende Begegnung mit Menschen und mit einer Kunst im Rahmen des Smart Illumination Festival in Yokohama. Darauf freue ich mich sehr und bin gespannt was passieren wird.

von Patrick Marcolli